Tesla treibt den Aufbau einer eigenen Schnellladeinfrastruktur für den Tesla Semi voran. In Ellabell im US-Bundesstaat Georgia hat das Unternehmen einen neuen Megacharger-Standort eröffnet. Es ist der zweite entsprechende Standort an der US-Ostküste und der vierte Megacharger-Standort im bislang entstehenden öffentlichen Tesla-Netz für elektrische Schwerlast-Lkw.
Die Lage ist strategisch gewählt. Ellabell befindet sich westlich von Savannah und in unmittelbarer Nähe zur Interstate 16. Der neue Ladepunkt ermöglicht es Tesla Semi damit, den wichtigen Logistikkorridor zwischen Atlanta und Savannah elektrisch zu befahren und unterwegs mit hoher Leistung nachzuladen.
Für Tesla geht es dabei um deutlich mehr als einen einzelnen Ladepark. Das Unternehmen beginnt, für den Semi jene Infrastruktur aufzubauen, die beim Model S und später Model 3 und Model Y mit dem Supercharger-Netzwerk zu einem wichtigen Bestandteil des Geschäftsmodells wurde.
I-16 verbindet Atlanta mit dem Hafen von Savannah
Der Standort Ellabell ist vor allem aufgrund seiner geografischen Lage interessant.
Die Interstate 16 verbindet den Großraum Atlanta direkt mit Savannah an der Atlantikküste. Der Korridor ist für den Güterverkehr besonders relevant, weil sich in Savannah einer der wichtigsten Containerhäfen der Vereinigten Staaten befindet.
Elektrische Lkw können dadurch Fracht aus der Region Savannah in Richtung Atlanta transportieren und auf dem Korridor nachladen.
Genau solche Strecken eignen sich besonders für den frühen Einsatz batterieelektrischer Lastwagen.
Statt sofort ein flächendeckendes nationales Ladenetz aufzubauen, können zunächst besonders stark frequentierte Logistikrouten elektrifiziert werden. Fahrzeuge bewegen sich dort regelmäßig zwischen bekannten Ausgangs- und Zielpunkten, wodurch sich Ladeinfrastruktur wesentlich gezielter planen lässt.
Der neue Standort in Ellabell schließt damit eine wichtige infrastrukturelle Lücke zwischen zwei bedeutenden Wirtschaftsräumen Georgias.
Zweiter Megacharger an der US-Ostküste
Mit Ellabell betreibt Tesla nun den zweiten Megacharger-Standort an der Ostküste.
Insgesamt handelt es sich um den vierten Standort des entstehenden Megacharger-Netzwerks.
Damit befindet sich die Infrastruktur noch in einer sehr frühen Phase. Verglichen mit Teslas Supercharger-Netz für Pkw ist die Zahl der Standorte verschwindend gering.
Der Vergleich zeigt allerdings auch, wie Tesla beim Semi vorgehen könnte.
Beim Aufbau des Supercharger-Netzes konzentrierte sich das Unternehmen zunächst ebenfalls auf wichtige Fernverkehrsachsen. Erst mit zunehmender Fahrzeugzahl wurde das Netz immer dichter.
Beim Semi könnte sich dieses Prinzip wiederholen – diesmal allerdings entlang der großen amerikanischen Güterverkehrskorridore.
Ein Tesla Semi braucht eine völlig andere Ladeinfrastruktur
Ein normaler Supercharger ist für einen elektrischen Schwerlast-Lkw nur bedingt geeignet.
Der Grund dafür ist die enorme Energiemenge, die ein Tesla Semi während einer Fernverkehrsfahrt benötigt.
Tesla gibt für die Langstreckenversion des Semi eine Reichweite von rund 500 Meilen beziehungsweise etwa 800 Kilometern an. Gleichzeitig soll der Energieverbrauch bei weniger als 2 kWh pro Meile liegen.
Selbst bei dieser für einen schweren Lkw hohen Effizienz bewegt sich die benötigte Energiemenge damit in einer völlig anderen Größenordnung als bei einem Model 3 oder Model Y.
Genau dafür wurde der Megacharger entwickelt.
Während Teslas V4-Supercharger inzwischen Ladeleistungen im hohen dreistelligen Kilowattbereich ermöglichen können, bewegt sich das Laden schwerer Elektro-Lkw zunehmend in Richtung Megawatt.
Dadurch sollen große Batteriemengen innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen von Lkw-Fahrern nachgeladen werden können.
Megawatt-Laden wird für den Semi entscheidend
Tesla hatte für den Semi bereits früh angekündigt, dass rund 70 Prozent der Reichweite innerhalb von etwa 30 Minuten nachgeladen werden können sollen.
Bei einem Fahrzeug mit mehreren hundert Kilowattstunden nutzbarer Batteriekapazität setzt das extrem hohe Ladeleistungen voraus.
Deshalb wird beim elektrischen Schwerlastverkehr zunehmend mit dem Megawatt Charging System gearbeitet.
Der Unterschied zum Elektroauto ist erheblich.
Ein Pkw kann beispielsweise während einer Ladepause 50 oder 70 kWh aufnehmen. Bei einem elektrischen Lkw können dagegen mehrere hundert Kilowattstunden notwendig sein.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht ausschließlich darin, leistungsfähige Ladesäulen zu installieren.
Auch Netzanschluss, Transformatoren, lokale Energiespeicher und die verfügbare elektrische Leistung eines Standorts müssen entsprechend dimensioniert werden.
Wenn mehrere elektrische Lkw gleichzeitig mit Megawatt-Leistung laden, kann ein einziger Ladepark eine Anschlussleistung von mehreren Megawatt benötigen.
Tesla Semi steht vor dem entscheidenden Produktionshochlauf
Der Ausbau des Megacharger-Netzes kommt zu einem wichtigen Zeitpunkt.
Tesla bereitet die größere Serienproduktion des Semi in Nevada vor. Bislang wurde der elektrische Lkw nur in vergleichsweise kleinen Stückzahlen produziert und vor allem von ausgewählten Großkunden im realen Logistikbetrieb eingesetzt.
Dazu gehören insbesondere PepsiCo und dessen Tochtergesellschaft Frito-Lay.
Mit einer deutlich größeren Semi-Flotte verändert sich allerdings das Infrastrukturproblem.
Einige hundert Fahrzeuge können überwiegend über private Ladepunkte an Logistikzentren versorgt werden.
Bei tausenden oder langfristig zehntausenden elektrischen Lkw benötigt Tesla dagegen zusätzlich eine Infrastruktur entlang wichtiger Fernverkehrsrouten.
Genau hier kommen die Megacharger ins Spiel.
Vom Depot-Laden zum echten Fernverkehr
Elektrische Lkw werden bislang häufig im sogenannten Depotbetrieb eingesetzt.
Das Fahrzeug startet morgens von einem Logistikzentrum, fährt eine definierte Route und kehrt anschließend zum Ausgangspunkt zurück. Dort kann es über Nacht oder während längerer Standzeiten geladen werden.
Dieses Modell funktioniert auch ohne ein dichtes öffentliches Schnellladenetz.
Für echten Fernverkehr reicht es jedoch nicht.
Ein Lkw, der mehrere hundert Kilometer zwischen Städten, Häfen und Logistikzentren zurücklegt, benötigt ähnlich wie ein Diesel-Lkw eine Infrastruktur entlang der Strecke.
Mit Standorten wie Ellabell beginnt Tesla, genau diese Voraussetzung zu schaffen.
Ein Semi kann dadurch nicht mehr ausschließlich von einem bestimmten Depot abhängig sein, sondern unterwegs Energie aufnehmen und anschließend seine Route fortsetzen.
Atlanta–Savannah ist dafür ein idealer Korridor
Gerade die Verbindung zwischen Atlanta und Savannah zeigt, wie der Ausbau des Semi-Netzes funktionieren könnte.
Statt Megacharger zunächst gleichmäßig über die gesamten Vereinigten Staaten zu verteilen, kann Tesla wichtige Güterverkehrsrouten priorisieren.
Häfen sind dabei besonders interessant.
Container werden dort auf Lkw verladen und anschließend zu Verteilzentren, Fabriken und Lagerhäusern transportiert.
Savannah gehört zu den bedeutendsten Containerhäfen Nordamerikas. Atlanta wiederum ist einer der größten Wirtschafts- und Logistikstandorte im Südosten der USA.
Die Interstate 16 verbindet beide Regionen miteinander.
Ein leistungsfähiger Ladepunkt entlang dieser Strecke kann deshalb wesentlich stärker ausgelastet werden als ein Standort in einer Region mit wenig Schwerlastverkehr.
Das Supercharger-Modell könnte sich wiederholen
Tesla besitzt beim Aufbau von Ladeinfrastruktur einen entscheidenden Erfahrungsvorsprung.
Das Unternehmen hat mit dem Supercharger-Netz bereits gezeigt, dass Fahrzeug und Ladeinfrastruktur gemeinsam entwickelt und ausgebaut werden können.
Beim Semi könnte Tesla diese Strategie wiederholen.
Die Fahrzeuge bilden dabei nur einen Teil des Produkts. Ladehardware, Software, Routenplanung und Energieversorgung werden zu Bestandteilen eines zusammenhängenden Systems.
Für Flottenbetreiber ist das besonders relevant.
Ein elektrischer Lkw kann wirtschaftlich noch so attraktiv sein – wenn er auf seinen regulären Routen nicht zuverlässig geladen werden kann, ist er für den täglichen Logistikbetrieb nur eingeschränkt nutzbar.
Der Ausbau der Megacharger ist deshalb mindestens genauso wichtig wie die eigentliche Serienproduktion des Semi.
Vier Standorte sind erst der Anfang
Mit vier Megacharger-Standorten befindet sich Tesla noch ganz am Anfang dieses Prozesses.
Ein landesweites elektrisches Fernverkehrsnetz lässt sich daraus noch nicht ableiten.
Die einzelnen Standorte zeigen jedoch zunehmend eine klare Strategie: Tesla beginnt, Ladepunkte entlang relevanter Logistikachsen aufzubauen und damit einzelne Regionen miteinander zu verbinden.
Entscheidend wird nun sein, wie schnell weitere Standorte folgen.
Je dichter das Netz wird, desto größer wird der mögliche Einsatzradius des Semi.
Aus einzelnen elektrifizierten Depot-Routen könnten dadurch Schritt für Schritt zusammenhängende Fernverkehrskorridore entstehen.
Fazit
Tesla hat in Ellabell, Georgia, seinen nächsten Megacharger eröffnet. Der Standort ist der zweite an der US-Ostküste und der vierte im bislang entstehenden Megacharger-Netzwerk.
Besonders wichtig ist jedoch seine Lage.
Über die Interstate 16 verbindet der Ladepunkt den Großraum Atlanta mit Savannah und schafft damit eine neue Lademöglichkeit auf einem wichtigen amerikanischen Logistikkorridor.
Für den Tesla Semi ist das ein entscheidender Entwicklungsschritt.
Die Herausforderung bei elektrischen Schwerlast-Lkw besteht nicht nur darin, ausreichend Reichweite und kurze Ladezeiten zu erreichen. Es muss gleichzeitig eine Ladeinfrastruktur entstehen, die große Energiemengen entlang der tatsächlichen Transportrouten bereitstellen kann.
Mit Ellabell zeigt sich zunehmend, wie Tesla dieses Problem lösen möchte: nicht sofort mit einem flächendeckenden Netz, sondern zunächst mit Megachargern entlang strategisch wichtiger Güterverkehrskorridore.
Wenn Tesla den geplanten Produktionshochlauf des Semi umsetzt, dürfte der Ausbau dieser Infrastruktur in den kommenden Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen.


